Jenseits von richtig und falsch

Essay von Jan-Philipp Frühsorge zur Ausstellung der Prisma Art Gallery, Oktober 2025.

JENSEITS VON RICHTIG UND FALSCH

Wir sind von Bildern umzingelt. Wir leben mit ihnen – jeden Tag, ob wir es wollen oder nicht. Sie sind eine Tatsache: manchmal Last, Versuchung, Überforderung oder Ärgernis, oft aber auch ein großes Vergnügen, eine Überraschung, ein Geschenk – und ein Anlass, über die Welt und über uns selbst zu reflektieren.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es eine Disziplin, die Kunstgeschichte heißt. Sie beschreibt die historische Entwicklung von Artefakten, die man als Kunst versteht. Dieses Verständnis hat sich im Lauf der Zeit fortwährend gewandelt – je nach Epoche, Geografie, kulturellem, politischem oder sozialem Kontext.

Seit über zwanzig Jahren existiert zudem eine erweiterte Form dieser Disziplin: die Bildwissenschaft. Sie beschäftigt sich mit allen Formen von Bildern – auch mit jenen, die nicht aus der Kunst stammen, sondern aus Technik, Naturwissenschaft, Werbung oder anderen Quellen.

Das sind die akademischen Instrumente, um mit Bildern umzugehen, sie zu lesen und zu verstehen. Doch wie viele Menschen studieren Kunstgeschichte oder Bildwissenschaft? Die meisten von uns sind autodidaktische Bildleser:innen. Wir schauen und versuchen zu verstehen, indem wir spekulieren und Schlüsse ziehen. Erfahrung hilft – aber die Geschwindigkeit der Produktion macht es nicht gerade einfach: immer ist schon ein neues Bild da, und noch eines, und noch eines. Manche sind von Menschen, neuerdings auch von Maschinen gemacht. Die Grenzen verschwimmen: zwischen echt und falsch, authentisch und simuliert.

Doch die entscheidende Frage bleibt: Wann berührt uns ein Bild wirklich?
Und wie sehr sehen wir die Menschen hinter den Bildern – besonders dann, wenn diese keine Künstler:innen im konventionellen Sinne sind, wenn das Etikett „Kunst“ nicht sofort sichtbar auf dem Werk klebt?

Eine Gruppe von Menschen – zu großen Teilen aus verschiedenen Anstalten des offenen Berliner Strafvollzugs – kam zusammen, um über Monate hinweg gemeinsam zu malen. Alle ohne künstlerische Ausbildung, mit unterschiedlichen Biografien, Sprachen und Erfahrungen – und unterschiedlichen Gründen, warum sie im Gefängnis gelandet sind.
Eine Schicksalsgemeinschaft mit Fluktuation: manche bleiben länger, andere gehen früher.

Am Ende sehen wir sieben Bilder, die auf besondere Weise von diesen Menschen erzählen.

Das Mantra unserer Treffen lautete: „Es kommt nicht auf das Resultat an, sondern auf den Prozess – auf den ehrlichen Blick nach innen, auf die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, den Schicksalen, Traumata – kurz: mit den menschlichen Erfahrungen.“

Und doch stehen am Ende fertige Bilder hier. Bilder, die betrachtet werden wollen – nicht verbal, sondern visuell: mit Formen, Farben, Gesten, Figuren und Symbolen.

Die Kunstgeschichte kennt den Begriff Art Brut oder Outsider Art:
Kunst von Menschen außerhalb des Kunstsystems – von Autodidakt:innen, von Patient:innen in Psychiatrien oder von Inhaftierten. Kunst, geschaffen an Orten, die nicht Teil des offiziellen Kunstbetriebs sind; von Menschen, deren Kreativität oft der einzige Weg ist, ein Gespräch mit sich selbst zu führen. Bilder vom Rand gesellschaftlicher Aufmerksamkeit – geboren aus einem anderen Impuls.

Was entsteht, wenn man keine Vorbilder bemühen will?
Wenn Kunstgeschichte keine Rolle spielt, der Kunstmarkt weit entfernt ist und es nicht darum geht, einem Publikum zu gefallen?
Dann bleibt: das eigene Leben – so authentisch wie möglich.

Man zeichnet, malt, übermalt; findet Formen, erfindet Gesten.
Man ringt mit Technik, Anspruch und dem Wunsch nach Perfektion – und findet schließlich einen eigenen Weg.

Die sieben Bilder beschreiben eine Reise –einen Bogen von einem Moment vor unserer Existenz bis zu einem utopischen Später. Dazwischen: Mühen, Umwege, verschlungene Pfade des Lebens.

In diesen Bildern tummeln sich dicht gedrängt Szenen und Zeichen.
Die Geschichten sind intensiv, oft schmerzlich. Sie handeln von Verletzungen, die erfahren wurden – und von solchen, die ausgeteilt wurden.
Sie sind entstanden, ohne dass jemand gesagt hätte: „Ich mache jetzt Kunst.“ Und doch ist am Ende Kunst entstanden.

Der Zyklus beginnt mit einem diffusen Raum, der womöglich eine kosmische Dimension beschreibt – etwas, das nicht messbar, sondern grenzenlos und zeitlos ist: ein Bild für das Unbeschreibliche, das Mysterium der Existenz.

Was man nicht sieht, ist die Tiefendimension dieses Bildes: Es besteht aus unzähligen Schichten von Text, die am Ende übermalt wurden –
ein Palimpsest, in das sich jede:r Teilnehmer:in eingeschrieben hat.


Was macht ein Abbild zum Symbol?
Ein Symbol ist ein Sinnzeichen, das über sich hinausweist – auf etwas, das nicht sichtbar ist. Es spricht zu uns, weil es auf geteiltes (Welt-)Wissen zurückgreift.

Wenn aber eine klassische Ikonografie gar nicht bekannt ist, entsteht eine neue, eine eigene Bildsprache. Genau das ist hier geschehen: Ein Hai, ein Schneemann, ein Kompass, eine Marionette –manche Motive archaisch und universell verständlich, andere nur aus persönlichem Kontext.

Die Herausforderung kollektiver Arbeit liegt darin, die eigenen Grenzen immer wieder neu zu verhandeln und seinen Platz im Bild zu finden.
Das braucht Zeit – besonders, wenn ein Kollektiv arbeitet, das es in dieser Form noch nie gegeben hat und das sich im Lauf der Zeit immer wieder verändert.

Es gibt keinen theoretischen Diskurs, kein Konzept, keine ausgefeilten Kompositionspläne. Der Prozess bleibt Motor. Eine Form entsteht – stößt die nächste an, diese wiederum ihre Nachbarin: so entstehen Ketten von Formbildungen. Auch wenn das manchmal mühsam ist, wird die Überwindung der Angst vor der Imperfektion am Ende belohnt. Denn: Das Bild ist immer klüger als seine Produzent:innen.

Die Motive tragen Gewicht – oft schwerer, als man vermutet.
Sprache legt die Dinge zu genau fest; das Bild dagegen ist eine Brücke zum Fluiden, zum Mehrdeutigen, zum Offenen – aber nicht zum Beliebigen.
Denn die Emotion, die ihm zugrunde liegt, hat mit dem Existenziellen zu tun.

Flecken auf der Seele übermalen, eine verhasste Emotion ausdrücken:
Es geht um Krieg, Gewalt, Verletzlichkeit, Migration, Entwurzelung, Heimatlosigkeit. Es geht um Drogen, Waffen – aber auch um Sehnsucht:
nach Familie, nach einer heilen, friedvollen Welt, nach Anerkennung, Versöhnung, Ruhe, Natur.
Alles zutiefst nachvollziehbare Bedürfnisse, geteilt von Menschen innerhalb und außerhalb des Gefängnisses.

„Wir sehen nur, was wir wissen – aber auch, was wir nicht wissen: das Unaufgelöste, das Rätselhafte, das Andere, kurz – das Poetische.“

Dieser Gedanke beschreibt auch die Haltung, mit der man diesen Bildern begegnen sollte. Er hat mit Empathie zu tun – mit dem, was wir dem Bild entgegenbringen. Auch das ist etwas jenseits von richtig und falsch.

Bildbetrachtung ist – das darf man nie vergessen – ein unabgeschlossener Prozess. Mit jeder Betrachterin, jedem Betrachter entsteht eine neue Version von Deutung und Verständnis.

Das Bild ist kein Unterrichtsmaterial. Es lehrt uns nichts.
Es erzählt. Es zeigt. Es ist – ein Ereignis, ein Zeugnis dafür, dass etwas stattgefunden hat. Eine Gruppe von Menschen hat sich getroffen und in Bildern nachgedacht und empfunden.

Die Prozesse gehen weiter. Und diejenigen, die sie gemalt haben, nehmen diese Erfahrung mit in ihre Zukunft.

Jan-Philipp Fruehsorge Oktober 2025
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