Eröffnungsrede - Juni 2023
Unaussprechbare Wunden: Die Kunst des Verstehens
In unserer Arbeit mit verwundeten Menschen treffen wir immer wieder auf Herausforderungen.
Ob körperliche, emotionale, psychologische oder spirituelle Verletzungen - Schwierigkeiten sind unausweichlich. Doch gemeinsam können wir diese Hürden überwinden und Heilung ermöglichen.
Keiner von uns bleibt im Leben unversehrt. Manche haben mehr Ressourcen, um mit ihren Verletzungen umzugehen, während andere gelernt haben, ihre Wunden geschickt zu verbergen.
Es ist von enormer Bedeutung, dass wir uns fragen, was sich wirklich hinter unserem Verhalten, unseren emotionalen und mentalen Zuständen sowie körperlichen Krankheiten verbirgt. Diese Symptome tragen tiefe Botschaften in sich, die wir verstehen und entschlüsseln können.
Betrachten wir zum Beispiel kriminelles Verhalten: Es ist nur eine Sprache, die uns etwas über unsere inneren Wunden mitteilen möchte.
Hier in den Kunstgruppen nutzen wir das Medium Kunst, um den Symptomen eine Sprache zu geben.
Durch diese einzigartige Herangehensweise schaffen wir einen Ausgangspunkt, um ein neues Verständnis zu entwickeln und hinter die Oberfläche zu schauen.
Die Kreativität erlaubt es uns, tief in uns selbst und in die Botschaften unserer Symptome einzutauchen. Sie öffnet Türen zu verborgenen Emotionen, versteckten Wunden und unentdeckten Stärken. Auf dieser kreativen Reise lernen wir uns selbst besser kennen und setzen einen heilenden Prozess in Gang.
Seit April arbeiten wir in einer wachsenden Gruppe zusammen. Die Männer, deren Bilder Sie hier sehen, befinden sich auf ihrer ganz persönlichen Reise zu sich selbst.
Diese Ausstellung ist jedoch keine gewöhnliche Präsentation von künstlerischen Werken. Die wenigsten Männer haben je gemalt oder die Absicht, Künstler zu werden.
Es geht hier nicht um das Endresultat!
Obwohl, ich muss gestehen, dass ich immer wieder gefragt werde, ob sie nicht auch Picassos oder zumindest Picassos Cousin werden könnten. Das könnte vielleicht ein bisschen schwierig werden, ein Vermögen mit ihren Werken zu machen, aber wer weiß, vielleicht wird ihr Stil als 'Outsider-Kubismus' bekannt und sie werden über Nacht berühmt und reich… Spaß beiseite, Picasso oder nicht, ich bin stolz auf ihre kreative Reise!
Wir konzentrieren uns nicht auf die Kunst oder auf künstlerische Techniken.
Diese Gruppe ist keine Freizeitaktivität, und vermutlich wäre keiner der Männer hier, wenn ihn nicht das Leben und die eigene Geschichte hierher gebracht hätten.
Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, die das Leben scheinbar zufällig zusammengeführt hat. Kaum einer der Männer hätte je im Traum gedacht, dass er einmal hier sitzen und mit Pinsel und Farbe arbeiten würde.
Wir beginnen jedes Treffen mit einem Ritual der 6 Pinselstriche. Rituale sind wichtig und verbindend. Jeder malt mit dem Pinsel
6 Striche auf das Papier. Es ist erstaunlich, wie einfach und zugleich faszinierend dieses Ritual ist.
Dann geht es oft richtig bunt und laut zur Sache! Hier geht es um Freiheit, Intuition und einen ehrlichen, authentischen Prozess, nicht um schnelle Ergebnisse zum Vorzeigen. Jeder gibt auf seine eigene einzigartige Art und Weise sein Bestes. Wir plaudern, manche haben die Smartphones immer griffbereit und lassen kaum einen Flirt auf der Straße aus. Es fühlt sich an wie in einer total verrückten Reality-Show, die uns oft zum Lachen, Staunen und Nachdenken bringt.
Das Wichtigste ist, dass jeder gerne hierher kommt und sich akzeptiert fühlt, ganz egal, wie er sich gerade fühlt. Zugehörigkeit ist der Schlüssel, der uns alle zusammenhält.
Gemeinschaftliches Wirken hat eine heilsame Wirkung, und das spüren wir hier ganz deutlich!
Hier kommen Menschen zusammen, deren Leben oft von frühester Kindheit an schwierig und chaotisch verlaufen ist.
Sie haben Verletzungen erlitten und andere verletzt. Und wir alle kennen das, denn auch wir haben Verletzungen in unserer Vergangenheit erfahren.
Doch manche Menschen sind stärker verwundet als andere. Sie haben als Kinder schwerwiegendere emotionale und/oder körperliche Schmerzen erlitten. Es sind Wunden, die unaussprechlich sind.
Emotionale Wunden können wir nicht sehen, aber das Verhalten, das durch diese Wunden entsteht, ist sichtbar.
Verhalten sagt mehr über uns aus als Worte, und manchmal kann dieses Verhalten für andere unakzeptabel sein.
Es geht nicht darum, Entschuldigungen für schlechtes Benehmen zu finden. Ja, das Benehmen kann inakzeptabel sein, und ja, es gibt Fälle, in denen das Verhalten gestoppt werden muss und es notwendig ist, Menschen weg zu sperren.
Aber noch wichtiger ist es, das Verhalten zu verstehen und den Mut zu finden, über das Verhalten hinauszublicken. Denn hinter diesem Verhalten steckt ein ganz gewöhnlicher Mensch, der oft unaussprechlich verwundet ist.
Es gab vielleicht eine Zeit im Leben, da war das eigene Dasein so zerrüttet, dass der Wunsch da war, am liebsten die ganze Welt zerrüttet zu sehen - auf gut Deutsch gesagt: „die Welt upfucken zu wollen, weil man selbst upgefucked war!“ Und genau diesen Menschen wollen wir hier in der OutsiderKunst-Galerie eine Chance geben.
Das Verhalten hat für die Männer lange Zeit gesprochen.
Hier dürfen sie auf kreativ-heilsame Art und Weise ihrem Verhalten eine Sprache geben, sich auszudrücken und herauszufinden, wer sie wirklich sind. Vielleicht können sie dann ihr früheres herausforderndes Verhalten hinter sich lassen und Mut finden, sich weiterzuentwickeln. Und auch das gilt für uns alle!
Wir müssen hier sehr vorsichtig miteinander sein.
Es ist ein behutsamer Prozess, bei dem wir uns langsam öffnen. Der Fortschritt verläuft nicht immer geradlinig; manchmal machen wir zwei Schritte vor und drei zurück. Es ist ein gemeinsamer Tanz. Manchmal bewegen wir uns seitwärts oder sogar rückwärts, wir tanzen aus der Reihe, bevor wir wieder vorwärts gehen. Aber insgesamt bewegen wir uns gemeinsam vorwärts auf diesem Weg in unserem Tempo, und jeder hat das Recht, sein eigenes Tempo zu bestimmen. Was sicherlich manchmal verwirrend sein kann, denn bisher war wenig Raum für Selbstbestimmung gegeben.
In der Haft sind Menschen abhängig von den Entscheidungen anderer und daran gewöhnt, dass andere Macht über sie haben.
Während der Haftzeit geht es für die Inhaftierten ums Überleben und Durchhalten.
Sie sind für längere Zeit quasi in einem kalten Container aufbewahrt. Der Weg zurück in die Gesellschaft nach einer langen Haftstrafe ist oft schwierig. Viele kennen das normale Leben nicht und wissen daher auch nicht, wonach sie suchen sollen. Die Angst vor der Wahrnehmung in der Gesellschaft und die Herausforderungen, die auf sie zukommen, sind groß. Ähnlich einer Schildkröte, die ihren Panzer verloren hat und nicht weiß, was zu tun ist.
Unsere Aufgabe in der Galerie ist es, diese Menschen in ihrem Übergang zu schützen, zu unterstützen und sie dazu zu ermutigen, ihre eigene Macht wiederzufinden. Auf kreative und friedliche Weise stärken wir hier Menschen, die ihre Macht verloren haben und denen teilweise durch ihre eigenen Taten und Handlungen Macht entzogen wurde, die ihnen aber in Wirklichkeit genommen wurde, lange bevor sie zu Kriminellen, Süchtigen oder Obdachlosen wurden, durch Dinge, die sie als Kinder erlebt haben. Jetzt müssen wir diese Menschen wieder ermutigen und ermächtigen, ihre eigene Macht zu finden!
Meine Aufgabe ist es, dabei zu helfen, die eigene Tür zu öffnen und sich selbst zu sein.
Und mit Rumi gesagt: Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.
Antje Kerl-Akkan
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