Ausstellungsrede - Dezember 2023

„Herzlich willkommen!

Ich möchte Sie alle bitten, sich kurz Ihrem Nachbarn auf der rechten Seite vorzustellen. Einfach mit 'Hallo, ich heiße und was immer Sie sagen möchten…”

Gut! Und jetzt, stellen Sie sich bitte noch einmal vor, aber diesmal als das fantastische Wesen, das Sie sind: 'Hallo, ich bin dieses fantastische Wesen und heiße…’

Wunderbar!

Ich begrüße Sie hier alle gemeinsam zu unserer Ausstellung. Wir alle sind in unserem Leben verschiedenen Herausforderungen begegnet, auf die wir auf unsere eigene Art und Weise reagiert haben.
Unter uns befinden sich Menschen, deren Handlungen Missfallen erregt haben und die als Kriminelle bezeichnet werden. Doch diese Bezeichnung basiert lediglich auf einem Verhalten, das sich von der Norm unterscheidet. Im Grunde sind wir alle gleich. Tief im Inneren sind wir alle aus demselben Stoff gewoben, alle gleichwertig und doch einzigartig. Unsere Lebensbedingungen sind von der Empfängnis und Geburt an verschieden. Wer oder wie immer sich das bestimmt, ist ein Mysterium, ein Geheimnis.

Ich hatte das Glück, in eine Welt hineingeboren zu werden, die mich mit Liebe beschenkt hat und ich alle möglichen schönen Dinge haben konnte. Hätte ich dass alles nicht gehabt, dann wäre möglicherweise mein Verhalten und Leben auch anders verlaufen.
Also, wenn das sogenannte Schicksal anders entschieden hätte?
Vielleicht würde ich jetzt in Ihren Schuhen stehen. Das zeigt, wie fein die Linie zwischen unseren Welten ist. Auch wenn die Startbedingungen in unser Leben gegeben sind, so ist uns immer auch heilsame Veränderung möglich.

Heute möchte ich Ihnen beweisen, dass Veränderung real und erreichbar ist, für jeden von uns. Egal wer wir sind, woher wir kommen, was wir getan haben, was wir gelernt haben. Denn sicherlich gibt es Zweifel, ob Menschen sich verändern können. Und erst recht, ob Menschen sich in einer bzw. durch eine Kunstgruppe ändern können. Selbst einige der Männer hier möchten jetzt bestimmt mit mir streiten, ob echte Veränderung möglich ist. Vielleicht glauben sie nicht einmal an die Veränderungen, die sie selbst durchgemacht haben.

Warum sollte ich mich oder warum sollte sich mein Leben verändern?

Bestimmt nicht, weil ich hier male.

Viele denken, dass sie nicht die Macht über ihr Leben haben. Die Macht liegt in den Händen anderer Leute. Deswegen wird sich das niemals ändern. Für mich hängt der Beweis hier an den Wänden und der kurze Film der während der letzten Wochen aus einigen Gruppensitzungen entstanden ist, zeigt deutlich Veränderung.

Ich weiß, dass der Prozess, den wir anwenden, vielleicht als untypisch oder ein wenig verrückt oder was auch immer erscheinen mag, aber nehmen Sie sich einfach ein wenig Zeit und betrachten Sie die Entwicklung hier an den Wänden.

Ich greife ein Beispiel heraus. So hat ein Teilnehmer am Anfang gemalt. Er hat sich die Motive aus dem Internet gesucht. Er wollte Sicherheit und Kontrolle über das Ergebnis. Mit der Auswahl des Motivs hat er etwas wählen wollen, was sozial anerkannt, beliebt und als gut bewertet wird. Er kam wie die meisten hierher, mit dem Wunsch, den Mauern des Gefängnisses für einige Stunden zu entkommen. Später gestand er mir, wie viel Angst er hier beim ersten Mal hatte. Fremde Menschen und die Schulangst von Früherkamen auf. Kunst war auch nie sein Ding und das Gefühl, nur wie ein kleines Kind zu malen. Auf dem Rückweg hat er überlegt, waser tun kann, um nicht noch einmal kommen zu müssen. Zum Glück ist er wiedergekommen und hat keine Angst mehr. Er ist gern hier dabei. Er hat sich unglaublich entwickelt. Er malt aus sich heraus. Er bringt gern etwas mit und teilt es mit der Gruppe. Er plaudert fröhlich mit den „Fremden“, ist absolut aufgeschlossen und die Gespräche sind oft persönlich und tief. Er ist absolut zuverlässig, dankbar und offen. Er entwickelt eigene Ideen und wenn ich ihm jetzt offiziell hier eine Schulnote geben müsste wäre es ein „Sehr gut“ für diesen eigenen mutigen Prozess und Kreativität. Am liebsten würde ich mir wünschen, die Männer könnten länger hier bleiben und immer wieder auftanken, Spaß haben und neue Ankömmlinge mit Wärme begleiten.

Was machen wir hier:

Unsere Kunstgruppen haben nicht die intellektuelle Absicht Kunst zu machen. Hier geht es um Selbstentfaltung und neue Erfahrungen. Ich gebe Aufgaben vor und die verlangen, die Bereitschaft sich zu öffnen. Es geht darum, den Kopf, das Ergebnis, die Bewertung loszulassen. Es geht nicht darum, gefallen zu wollen. Es geht darum, alles das loszulassen und sich dem Moment zu öffnen, zu fühlen und zu empfangen. Nicht ich male, sondern es kommt zu mir. Z.B. male eine Pflanze und schreibe einen Brief an diese Pflanze und lausche, was sie dir dann mitteilt. Oder wir schließen die Augen und Beamen uns an den Ort, wo wir uns stehen sehen und schauen auf die Füße, ob die auf Sand, Wiese oder sonst wo stehen und dann malen wir von den Füßen aus gefühlt diesen Ort. Oder wir schreiben in Geheimsprache alles heraus, was wir auf dem Herzen haben, ohne die Angst jemand könnte das lesen.

Ja, und dann machen wir hier wirklich ungewöhnliche Aktionen. Wir tanzen, strecken die Zunge raus und machen komische Geräusche. Das geschieht im Dunkeln und manche Fußgänger scheinen beim Vorbeigehen etwas ungläubig durch die Scheibe zu schauen. Und wenn wir dann im Dunkeln gebrüllt mit rausgestreckter Zunge, uns geschüttelt haben vor Lachen, dann war das Malen danach die reinste Ekstase. Und keiner hat zuvor sich so bewegt und frei tanzend gemalt.
Manchmal meinen die Männer ich sei verrückt - vielleicht haben sie recht. Aber meine 'Verrücktheit' ist meine Leidenschaft, Menschen zu helfen, ihr wahres Selbst zu enthüllen. Sie dabei zu unterstützen, ihre verhärteten Schalen zu lösen.

In unseren Arbeitsprozessen nutzen wir Kreativität und Kunst nicht nur als Ausdrucksmittel, sondern als Werkzeug des Empowerments und der Heilung. 'Wer bist du wirklich? Zeig dich!' Jeder ist eingeladen, sich selbst zu entdecken und zu zeigen, in all seiner Einzigartigkeit.

Warum sollte sich diese Entwicklung, die wir hier erleben, nur auf das Malen beschränken?

Zu Beginn zeigten viele hier eine eher gleichgültige und selbstzentrierte Haltung, fast so, als ob sie dächten: 'Ich muss alleine im Leben klarkommen, keiner hilft mir'.

Doch was wir jetzt sehen, ist eine beeindruckende Veränderung. Statt sich abzuschotten, erleben wir eine Offenheit für Zusammenarbeit und Gemeinschaft.

Dies ist eine bemerkenswerte Veränderung, vor allem für Menschen, die ein schwieriges Leben hinter sich haben und die anfangs vielleicht nur an sich selbst oder ihre engste Familie gedacht haben. Früher drehte sich alles nur um das eigene Wohl, wo die Gefühle anderer, ihr Besitz, ja sogar ihr Leben, kaum eine Rolle spielten, nun erleben wir hier gemeinsam eine Wandlung. Einst verschlossene Menschen öffnen sich der Gemeinschaft und lernen, auch an andere zu denken. Und hoffentlich wächst dabei die Einsicht, dass es im Leben nicht nur um das eigene Ich geht, sondern um ein Miteinander, in dem jeder Mensch zählt und respektiert wird.

Es ist diese Gemeinschaft, die uns allen zeigt, wie wertvoll das Miteinander ist.

Selbst wenn Ihr, liebe Männer, irgendwann wieder in Eure eigenen Lebenswelten eintaucht, hoffe ich, dass Ihr die Erinnerungen an diese gemeinsamen Stunden im Herzen behaltet und stets mit einem Lächeln daran zurückdenkt und ihr seid hier immer wieder herzlich willkommen.

Zum Schluss möchte ich eine Geschichte, geschrieben von meiner Ausbilderin, Dr. Brenda Davies, mit Ihnen teilen:

Ein Mann stirbt und kommt an die Himmelstür, wo er von Petrus empfangen wird: „Möchtest du in den Himmel oder in die Hölle?“

"Kann ich einen Blick reinwerfen und mich dann entscheiden?“,fragt der Mann. Petrus öffnet die Tür zur Hölle und ein großer, prachtvoller Raum erscheint. Kronleuchter an den Decken. Ein langer Tisch mit rotem Samt und den köstlichsten Speisen auf dem Tisch. Menschen sitzen vor ihren silbernen Tellern. Der Mann reibt sich ungläubig seine Augen, dass dies die Hölle sein soll. Alles, was sich ein Mensch nur wünschen kann, gibt es hier. Doch dann sieht er, dass alle Menschen sehr lange Löffel an ihren Handgelenken tragen und sich so zwar von den Speisen etwas nehmen, diese aber nicht zum Mund führen können. Das ist wirklich schrecklich, sagt der Mann und bittet nun Petrus die Tür zum Himmel zu öffnen.

Hier ist es genau der selbe Raum und glitzernde Anblick und die Menschen tragen auch angekettete Löffel an ihren Handgelenken. Doch sie fragen einander, was möchtest DU? Erdbeeren, Hummer oder Oliven? Und dann füttern sie sich gegenseitig. Petrus sagt:“ Achtung, wenn du dich nicht daran hältst, zu fragen, was der andere Mensch sich wünscht und du ihm Fisch statt Fleisch fütterst, dann kannst du diesen friedlichen und himmlischen Ort schnell zur Hölle machen.“

Bei dieser Geschichte geht es nicht um das Sterben oder den Tod. Es geht um unsere Welt und unser gemeinsames Leben. Wir haben es in der Hand, was wir aus dem Leben und unserer Welt

machen.

Das ist mein Bild von der OutsiderKunst Galerie: Ein Ort, an dem wir gemeinsam die Kraft haben, uns und Sie alle zu inspirieren, um gemeinsam eine Welt voller Kreativität, Verständnis und Gemeinschaft zu gestalten.

© 2023 Antje Kerl-Akkan. Alle Rechte vorbehalten.

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