Eröffnungssrede - Oktober 2025

Rede 2025 – Jenseits von richtig und falsch
Vom Dunkeln ins Licht
sieben Bilder einer Spurensuche


Mit genau dieser Haltung sind wir den Weg gegangen: nicht bewerten, nicht urteilen, sondern gemeinsam suchen. In anderthalb Jahren sind sieben großformatige  Bilder
entstanden.
Malereien, die nicht schön sein oder gefallen wollen, sondern authentisch.
Bilder, die uns einladen, dem Geheimnis des Lebens näher zukommen.
Sie behaupten keine endgültige Wahrheit, sie ermöglichen Begegnung.

Eine Spurensuche, die tiefer in das Menschsein führt.

Unser Arbeitsraum in der Brunnenstraße ist klein, kaum 25 Quadratmeter. Und doch sind hier Leinwände von zwei mal drei Metern entstanden. Rund vierzig Männer und vier Frauen haben daran mitgewirkt, manche über viele Monate, andere nur für kurze Zeit. Der Raum war oft zu eng für all das Gepäck, das die Männer mitgebracht haben.
Die meisten kommen nach Jahren im geschlossenen Vollzug. Erst im Offenen Vollzug haben sie die Möglichkeit, am Projekt teilzunehmen.

Prisma Art Gallery ist ein Freizeitangebot und keine Maßnahme des Vollzuges, kein Pflichtprogramm. Freizeit heißt hier nicht, dass man freiwillig kommt aus Lust auf
Kreativität. Die Männer kommen, weil sie für ein paar Stunden der Monotonie der Haft entkommen dürfen. Der Raum ist offen und justizfern.

Es gibt keine feste Gruppe. Immer wieder neu zusammengesetzt, unterschiedliche Lebensgeschichten, unterschiedliche Charaktere. Fast jeder bringt Widerstand mit.
Oft gibt es Ablehnung gegenüber den anderen, auch gegenüber mir.

Wozu Kunst. Die meisten hatten noch nie damit zu tun und halten es für überflüssig.

Jeder ist mir willkommen. 
Jeder der hierher findet, ist gemeint, hier zu sein.
Und Nichts läuft hier glatt, Das Verhalten im Raum ist schwierig.
Jeder ist sich selbst der Nächste.
Zurückhaltung, Kontrolle, Unsicherheit, skeptische Distanz, manchmal auch Reibung. „Lass mich doch in Ruhe“ ist ein Satz, der oft fällt, wenn ich wieder mal nerve.

Wahre Kreativität zuzulassen ist für mich ein heilender Prozess. Dafür müssen wir alte Gedanken- und Verhaltensmuster loslassen, Kontrolle abgeben und uns für die Intuition öffnen. Das ist für jeden Menschen eine Herausforderung. Viele Männer tragen Schutzpanzer aus Härte, Macht und Kontrolle. Dieses Verhalten ist nicht zufällig, sondern Ausdruck alter Erfahrungen. Hinter diesen Schichten liegen Wunden,
Schmerz und Sehnsucht. Niemand soll sie erkennen, und meist will man sie selbst nicht fühlen.
In unserem Raum aber darf das sichtbar werden. Im
Bildprozess darf sich etwas  lösen.

Und gerade deshalb ist es so besonders, was hier geschieht. Es geht nicht darum, schöne Bilder zu malen. Es geht um gemeinsame Zeit, um einen gemeinsamen Prozess, in der Hoffnung, dass das Weiche, Offene, Kreative irgendwann durch
die harten Schichten bricht.

Sieben große Leinwände, gewachsen im Gruppenprozess, ohne Komposition, ohne Plan, Schicht um Schicht entstanden. Jede Leinwand trägt ein Thema, jede ist eine Station unserer Spurensuche. Sie erzählen von dem, was uns alle betrifft:

den Ursprung,
die Herkunft,
die Geburt,
die Kindheit,
die Jugend,
die Veränderung
und die Vision.
Es sind keine Kunstwerke im klassischen Sinn. Es sind Flächen der Erinnerung und der Begegnung.

Spuren einzelner Leben, die sich zu etwas Kollektivem verweben. Bilder, geboren in einem Raum, in dem Menschen aufeinandertreffen, die sich draußen nie gesucht hätten und die doch hier etwas Gemeinsames schaffen.

Mit dem ersten Bild öffnet sich die Tür in diese Spurensuche:
das Geheimnis.
Woher kommen wir, bevor wir geboren werden. Bevor wir einen Körper haben. Bevor wir Materie sind.

Wer oder was entscheidet, dass wir ins Leben treten. Warum hier und nicht dort. Warum jetzt und nicht zu einer anderen Zeit. Warum in Berlin und nicht in Kabul, Timbuktu oder Kopenhagen.
Für manche ist es eine Glaubensfrage, für andere bleibt es ein Geheimnis. Es übersteigt den Intellekt. Wir haben Fragen dazu auf die Leinwand geschrieben. Symbole, Bilder, Widerstände.
Alles war erlaubt. Manchmal war es nur eine Schmierfläche, und zugleich ein Ort, auf dem man sich frei und unzensiert auslassen konnte.
Es war insgesamt ein zäher Prozess. Manche sagten sogar, es sei verboten, darüber nachzudenken.
Aus vielen Schichten ist ein Bild gewachsen, das die Suche spürbar macht nach einem Anfang, für den es keinen Beweis gibt.

Das zweite Bild: Fingerabdruck. Woher stamme ich?
Auf dem Bild sind nur Fingerabdrücke. Fingerabdrücke haben für Straftäter eine besondere Bedeutung. Hier aber stehen sie nicht für Schuld oder Tat. Sie fallen wie aus einer unsichtbaren Sphäre auf die Erde.
Jeder Mensch ist einmalig. Niemand gleicht je einem anderen, nicht vor uns und nicht nach uns. So ist jeder Fingerabdruck einmalig.
Was bestimmt, in welche Familie ich hineingeboren werde. In welches Land, in welche Religion, in welche Hautfarbe, in welches Geschlecht. Wer ist meine Mutter, wer ist mein Vater. Was trage ich als DNA in mir und welche Geschichten kommen mit meinen Ahnen in mein Leben.

Das dritte Bild: Geburt.
Der Start ins Leben macht den Unterschied zwischen uns allen.Bin ich in Sicherheit geboren, in Frieden, in Freude, in Bindung. Oder in Angst, in Unfrieden, in Armut, in Krieg.
Ist meine Mutter geborgen und versorgt oder verzweifelt. Ist mein Vater bei ihr oder weit weg. Ist die Welt ein sicherer, freundlicher Ort oder schon vom ersten Atemzug an geprägt von Spaltung und Kampf.Die Teilnehmer haben Motive gemalt, die ihr Gefühl für den eigenen Start ins Leben ausdrücken. Manche erzählen von Geborgenheit, andere von Schmerz und Verlust.Der Anfang unseres Lebens ist nicht nur Geschenk. Er ist auch Herausforderung.

Das vierte Bild: Kindheit.
Fünf bis zwölf Jahre. Die Zeit, an die wir uns bewusster erinnern können.Manche erzählen vom Aufwachsen im Krieg, von Tod, Verlusten, vielen Geschwistern oder davon, das schwarze Schaf gewesen zu sein. Vom Fremdsein. Von der Angst, jeden
Morgen durch den kalten Park zur Schule zu gehen, weil man neu in einer Flüchtlingsunterkunft angekommen ist und die Sprache nicht spricht.Ein anderer malte ein Labyrinth, die Suche nach der Mutter, die in Deutschland arbeitete, während der kleine Sohn beim Vater in der Heimat bleiben musste. Er hat die Mutter nie wirklich
gefunden. Ein anderer erinnert sich an die Mutter, die emotional nicht verfügbar war. Geprägt von eigener traumatischer Kriegsvergangenheit nahm sie die Kinder nie in den Arm. Und doch strich sie jeden Morgen, ganz kurz, über die Nase. Auf der Leinwand malte er sich als Schneemann, und die Hand der Mutter brachte über die orange Nase einen Hauch von Wärme in den Körper.Irgendwann sprach einer offen über häusliche Gewalt. Das war wie ein Türöffner. Andere begannen, von väterlicher Aggression
zu erzählen, von Gewalt gegen die Mutter und gegen Kinder. Was lange verborgen war, fand hier ein Bild und Worte. Viel zu viele Männer behandeln Frauen schlecht.

Das fünfte Bild: Jugend.
Die Jahre zwischen 15 und 21. Eine Phase des Übergangs von der Kindheit ins Erwachsenenleben. In dieser Zeit suchen wir unsere eigene Stimme, unsere
Selbstbestimmtheit, unsere Freiheit. Wer in der Kindheit Chaos, Schmerz, Ohnmacht oder Gewalt erlebt hat, trägt diese Erfahrungen tief in sich. Oft brechen diese Wunden in der Jugend mit voller Wucht auf. Manche greifen zu Drogen, um diesen Schmerz zu betäuben. Andere explodieren in Gewalt oder stürzen sich in riskante Geschäfte. Die ersten kriminellen Karrieren beginnen oft hier. Ein Teilnehmer malte das Grab seiner Mutter, die er während seiner Haftzeit verlor. Zugleich steht es für den Verlust seiner
zwei Geschwister im Krieg. Dieser Schmerz trieb ihn an, den Nordirak mit 16 Jahren zu verlassen und auf Eisenbahnschienen nach Europa zu fliehen, in der Hoffnung auf
ein besseres Leben. Ein anderer malte einen Hai als Symbol seiner aufgestauten
Wut, seiner Aggression, seiner Erfahrung von Vernichtung im Krieg.
Ein anderer erinnerte die Gürtelschläge der Mutter, hier festgehalten als Narben der Ohnmacht. Diese Ohnmacht wandelte sich in der Jugend oft in einen
Drang nach Macht.
Das getunte Auto mit bösem Blick steht für Selbstermächtigung, für Kraft und Freiheit. Nach einer Kindheit voller Trauma hat der Teilnehmer das Auto selbst zusammengeschraubt und getunt. Zum ersten Mal Stolz gespürt. Zum ersten Mal Selbstwirksamkeit. Das Gefühl, etwas Eigenes geschaffen zu haben, mit eigener Geschwindigkeit durch die Straßen zu fahren und nach Jahren der Hilflosigkeit
endlich Macht zu spüren.

Das sechste Bild: Transformation.
Hier geht es um das Heute. Um die Fragen: Was lasse ich los. Was möchte ich nicht mehr in meinem Leben haben. Was verändere ich.Viele wollten zunächst gar nicht zurück in ihre Vergangenheit. Das ist vorbei, sagten sie. Ich will nach vorne schauen. Doch genau hier wurde spürbar, wie schwer es ist, Altes hinter sich zu lassen, und wie groß zugleich die Sehnsucht nach Veränderung ist. Ein Teilnehmer malte das Kokain, das ihm Höhen versprach, aber sein Leben zerstörte. Es gab ihm keine Macht, sondern nahm sie ihm. Darüber ein Vulkan als Symbol der inneren Wut, die endlich
losgelassen werden will. Ein anderer malte dunkle Flecken und die Sehnsucht, dass
Orange darüber fließt, Orange als Farbe für Lebendigkeit, Lebensfreude, Sinnlichkeit. Wie Lava, die das Dunkle überströmt. Ein Mann sprach von seinem inneren Tsunami, so stark, dass er ihn kaum aushält. Er spürt, wie er ihn zerstört, antreibt, quält.
Ein anderer, während der Haft erkrankt, malte die Fäden, die ihn wie eine Marionette halten. Er möchte sie durchschneiden, nicht mehr fremdbestimmt sein, sondern Frieden finden mit sich selbst. Ein anderer will seine innere Unruhe loswerden, wie Hummeln, die unaufhörlich in ihm kreisen. Wieder ein anderer will die Ohnmacht der Kindheit ablegen. Heute möchte er aufstehen, sich aufrichten, in Selbstermächtigung leben.Ein anderer sprach von dem Teufel in sich, einer Stimme, die er noch verstehen will und die ihn quält.

All das sind Symptome. Aber Symptome sind Sprache. Sie sprechen von Verletzung, von Sehnsucht nach Heilung und nach Frieden. Dieses Bild hält fest, was viele empfinden: den Wunsch nach Verwandlung und die Möglichkeit, dass Veränderung beginnt.

Das siebte Bild: Vision.
Vision bedeutet, sich etwas zu wünschen, und für viele schien das schwierig.
Zuerst kamen religiöse Sätze, allgemeine Haltungen, keine persönlichen Wünsche. Vielleicht standen Scham und Schuld im Weg. Vielleicht war die Hoffnungslosigkeit groß. Als wir die Frage größer stellten, was wünschst du dir für deine Kinder, für die Welt, begann sich der Raum zu öffnen. Das Bild bekam Gestalt.
Ein Vater malte sich selbst, aufrecht und stark, als gutes Vorbild für seine Töchter. Er möchte nicht länger der gebrochene Vater sein, sondern verantwortungsvoll und liebevoll mit ihnen ins Leben gehen.Ein anderer, nach Jahrzehnten der Haft, träumt vom Sonnenaufgang und Sonnenuntergang am Meer, als Bild für lebendige Beziehung, für ein Leben in Freiheit und Harmonie. Ein Mann möchte als Rapper auf der Bühne stehen und Star sein. Sein T-Shirt trägt die Neun als Erinnerung an eine Kindheit, in der Helden wie Ronaldo die Trikots trugen.Jemand malt die Zahl 777, wie ein Symbol vom Spielautomaten und zugleich die Zahl der Engel. Sie steht für Glück, für Schutz, für Hoffnung.Ein anderer wünscht sich ein Haus in der Heimat, um im Alter mit seiner Frau in Frieden und Sicherheit zu leben. Ein anderer träumt von Ruhe mit Blick auf See und Berge. Und wieder ein anderer malte die Autobahn, das Gefühl von Freiheit, stundenlang zu fahren. In die Heimat fahren zu können und wieder nach Deutschland zurückzukehren. Der Wunsch, nicht abgeschoben zu werden. Bleiben dürfen. Hier und dort. In der Mitte eine Figur wie aus dem Karneval, verkleidet, bunt, mit Glitzer und Federn. Ein Mensch, der sich wünscht, das Leben in Farbe, in Freude, in Vielfalt, Freiheit und in Leichtigkeit zu leben.

Dieses letzte Bild ist wie ein Geschenk. Ein Geschenk an uns selbst, an unsere Kinder, an die Welt. Es sammelt Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen.

Vielleicht ist genau das die Kraft dieser sieben Bilder: dass sie zeigen, was wir teilen, und spürbar machen, wie sehr wir verbunden sind, jenseits von richtig und falsch.

Diese sieben Bilder, dieser ganze Prozess, und dass wir jetzt hier stehen, ist für mich hoch emotional. Wir sind durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Dass wir es nun in dieser Größe und Dimension präsentieren können, erfüllt mich mit Stolz.
Stolz auf alle, die hier mitgewirkt haben.

Ich weiß aber auch, wie viele Emotionen aufgebrochen sind. Wie viel Trauer und Schmerz. Ich kann nur erahnen, was es für den Einzelnen bedeutet, nach Jahren der Haft, mit dieser Vergangenheit und mit diesen Verletzungen, hier zu stehen und
so viel von sich zu zeigen. So schön, so groß, so besonders dieser Abend ist, wir dürfen nicht vergessen, dass in jedem dieser Bilder auch Trauer, Schmerz und Verletzung stecken. Und doch hoffe ich, dass aus dieser Begegnung Heilung wachsen kann. Möge der Mut, den ihr alle aufgebracht habt, euch weitertragen.

Ich bin stolz auf euch, stolz auf euren Weg. Ich hoffe, dass diese Bilder euch und uns allen ein Stück Heilung schenken. Die Bilder stehen für das,
was in diesem Prozess möglich wird, wenn Vertrauen wächst
und Männer sich öffnen.

Dank an:
Alle die hier mitgewirkt haben, alle, die das Projekt
unterstützen:

- die HL-Stiftung,

- der Freie Hilfe Berlin e.V., alle MitarbeiterInnen

- die Werbeagentur Kaiserwetter

- meine Praktikantinnen Anna und Paula

- mein Fellowship Kerem aus Mauretanien,

- Jan Frühsorge, der das Projekt als Kunsthistoriker begleitet
und zugleich Mitmalender und Netzwerker unermüdlich
unterstützt hat

- meiner Lehrerin und Supervisorin Dr. Brenda Davies aus
Wales

Und natürlich am aller wichtigsten: allen Männer und Frauen,
die mitgemacht haben!
© 2025 Antje Kerl-Akkan. Alle Rechte vorbehalten.

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