Ausstellungsrede - November 2024
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann im Vollzug. Die Mauern sind grau, der Tagesablauf ist streng geregelt und alles folgt einer klaren Struktur. Dann wird Ihnen angeboten, ein paar Stunden in einem Raum zu verbringen, in dem nichts wirklich „Nützliches“ entsteht und in dem Sie einfach malen.
Die erste Reaktion der Männer?
„Egal, was wir hier machen. Hauptsache raus!“
Für viele Männer, die hierherkommen, geht es zunächst um eine kurze Flucht aus dem Alltag. Es ist ein Moment, um den strengen Routinen auszubrechen. Die meisten sind anfangs skeptisch oder sogar überrascht, dass es in diesem Raum tatsächlich ums Malen gehen soll. Sie suchen nach etwas Vertrautem, das ihnen einen schnellen Energieschub gibt und sie durch den Tag bringt.
Doch hier erleben sie, dass es noch eine andere Art von Energie gibt. Sie entsteht durch Kreativität, Austausch und das Loslassen von Kontrolle.
Nach und nach entdecken die Männer, dass dieser Raum mehr ist als nur eine Ablenkung. Er wird zu einem Ort, an dem sie sich selbst begegnen. Eine Erfahrung, die sie vielleicht nicht erwartet haben, die aber genau hier ihren Platz hat.
Nun sprechen wir oft von Energie.
Energie zeigt sich in verschiedenen Formen. Körperlich erleben wir sie durch Nahrung oder Sport. Emotional zeigt sie sich in intensiven Momenten zwischen Menschen. Geistig begegnet sie uns in kreativen oder inspirierenden Gedanken.
In der Kunst nehmen all diese Energieformen konkrete Gestalt an. Sie fließen in den kreativen Prozess ein und prägen das, was wir erschaffen.
Meistens arbeiten wir hier an Gemeinschaftsbildern. Die Männer kommen oft mit dem Wunsch, ihr eigenes Werk zu gestalten und zu schützen. Sie sind vorsichtig und möchten ihre eigenen Ideen im Bild festhalten, unberührt von den Einflüssen der anderen. Es kann eine Herausforderung sein, wenn jemand in das eigene Gemalte hineinmalt oder sogar Teile davon übermalt.
Ich lade die Männer oft dazu ein, spielerisch und intuitiv zu malen, ohne den Anspruch, etwas zu bewahren, nur weil es „schön geworden“ ist. Es geht darum, im kreativen Prozess loszulassen und Raum für Veränderung zu schaffen.
Einmal entstand ein gemeinsames Bild, das nach und nach immer feiner und angepasster wurde. Es war hübsch, fast wie ein kleines „Doodle“, ein nettes Kindheitsbild.
Ein Mann bemerkte schließlich, dass es ihn an die Bilder seiner Schwester aus der Kindheit erinnerte.
„Es ist hübsch, aber langweilig.“
Er hatte recht.
Wir hatten uns alle angepasst und waren dem „Hübschen“ gefolgt, ohne es wirklich infrage zu stellen.
Ich lud ihn ein, das Bild zu verändern, es sogar ein wenig zu zerstören und mehr Lebendigkeit hineinzubringen.
Ein Moment der Unsicherheit entstand. Dann gossen wir gemeinsam Wasser über das Bild und verwischten das Gemalte.
Aus der anfänglichen Skepsis wurde Überraschung. Daraus entwickelte sich eine Art Durchbruch. Die Farben liefen ineinander, neue Formen entstanden und plötzlich war da Freiheit.
Die Männer mussten nicht länger am Bekannten festhalten.
Ein Energieschub entstand. Mut und Lust kamen auf, sich dem Fluss der Veränderung hinzugeben.
In diesen Momenten erfahren die Männer, dass Energie weit über das Körperliche hinausgeht. Sie spüren etwas Tieferes. Eine innere Lebendigkeit entfaltet sich, wenn wir die Kontrolle loslassen und den kreativen Prozess wirklich zulassen. Es ist ein Abenteuer, sich darauf einzulassen, ohne ein festes Ziel zu verfolgen, einfach im Moment zu sein und zu sehen, wohin er führt.
Jeder von uns trägt maskuline und feminine Anteile in sich. Es sind Kräfte, die unsere innere Balance gestalten.
Das Maskuline steht für Struktur, Logik, Zielstrebigkeit und Schutz. Das Feminine steht für Hingabe, Empfangen, Intuition und Kreativität. Beide Kräfte ergänzen sich. Wenn sie im Gleichgewicht sind, leben und tanzen wir mit dem Leben. Mal braucht es mehr Struktur und Klarheit, mal mehr Intuition und Fluss. In diesem Einklang werden wir flexibel und kraftvoll. Es entsteht Raum für Neues.
Diese Balance zu finden, ist oft herausfordernd, besonders in einem Umfeld voller Regeln und Kontrolle. Hier wird sie jedoch erfahrbar.
Wir üben, die Kontrolle abzugeben, uns dem kreativen Fluss hinzugeben und Veränderung zuzulassen. Die Balance zwischen Struktur und Hingabe, zwischen Halten und Loslassen, schafft eine Atmosphäre, in der Freiheit und Leichtigkeit entstehen. Für viele ist das eine völlig neue Erfahrung.
In uns allen existiert seit der Kindheit ein innerer Konflikt. Wir möchten Teil einer Gemeinschaft sein und gleichzeitig authentisch bleiben. Dieser Spannungsbogen kann blockieren und unsere Lebendigkeit dämpfen, wenn wir zwischen Anpassung und Selbsttreue hin- und hergerissen sind.
Unsere innere Energiequelle ist eng mit Kreativität, Lebendigkeit und der Fähigkeit verbunden, echte Verbindungen aufzubauen. Verbindungen zu anderen Menschen und zu uns selbst.
Im Gleichgewicht fühlen wir uns lebendig und ausgeglichen. Wenn diese Energie jedoch blockiert ist, verlieren wir das Gefühl für uns selbst.
Die kreative Arbeit hier öffnet diesen inneren Raum. Die Männer lernen, ihren individuellen Ausdruck in ein gemeinsames Werk einzubringen, ohne sich selbst zu verlieren. Dabei erfahren sie, dass Zugehörigkeit und Authentizität einander nicht ausschließen, sondern ergänzen.
Im kreativen Prozess begegnen sie ihren inneren Konflikten auf neue Weise. Die Spannung zwischen Anpassung und individuellem Ausdruck löst sich allmählich auf. Es entsteht eine Balance, in der sie sich selbst treu bleiben und gleichzeitig die Freiheit genießen, Teil einer lebendigen Gemeinschaft zu sein. Daraus wächst ein echtes Gefühl von Verbindung und innerer Freiheit.
Ich lade Sie jetzt ein, einen Moment innezuhalten und nach innen zu spüren.
Wenn Sie möchten, schließen Sie für einen Augenblick die Augen.
Wie fühlen Sie sich gerade?
Können Sie sich selbst inmitten all der Menschen hier wahrnehmen oder fällt Ihnen das schwer?
Spüren Sie innere Ruhe oder vielleicht Unruhe?
Wie offen sind Sie in diesem Moment?
Welche Gedanken ziehen Ihre Aufmerksamkeit auf sich?
Gibt es etwas in Ihnen oder um Sie herum, das Sie gerade besonders beschäftigt oder ablenkt?
Nehmen Sie sich diesen Augenblick, um einfach wahrzunehmen, ohne zu bewerten.
Nun lade ich Sie ein, Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre eigene Lebenskraft und Kreativität zu richten.
Spüren Sie Ihre maskulinen Anteile. Die Kraft der Gedanken, der Logik und des Schutzes.
Wenden Sie sich nun Ihren femininen Anteilen zu. Offenheit, Weichheit, Kreativität, vielleicht ein sanftes, warmes Pulsieren in Ihrem Inneren.
Wie fühlen Sie sich in dieser Erkundung?
Fühlen Sie sich sicher und geborgen in diesem Moment?
Jetzt bitte ich Sie, innerlich spontan eine Farbe zu wählen, ohne lange nachzudenken.
Welche Farbe kommt Ihnen sofort in den Sinn?
Wenn Sie jetzt die Möglichkeit hätten, mit einem Pinsel oder einem Besen einen Strich mit dieser Farbe auf eine riesige Leinwand zu setzen, wie würden Sie das tun?
Wäre es eine schnelle oder eine langsame Bewegung?
Würden Sie die Farbe über die Leinwand spritzen oder lieber eine Linie ziehen?
Würden Sie tanzen oder schreien?
Stellen Sie sich vor, wir alle könnten jetzt ein riesiges Bild auf der Brunnenstraße malen.
Die gesamte Straße wäre mit Leinwand bedeckt, und wir hätten völlige Freiheit, uns kreativ auszutoben.
Wir begegnen uns mit Pinseln oder vielleicht sogar mit Farbe an den Füßen und geben uns diesem verrückten Tun hin. Ohne Sinn und Verstand. Ohne Ziel. Niemand bewertet unser Tun. Wir sind einfach losgelöst in diesem Moment.
Ich bin sicher, wir würden viel Spaß dabei haben und einander auf eine besondere Weise begegnen.
Stellen Sie sich vor, wie es sich anfühlt, wenn Ihre Energie frei fließen kann, wenn Sie sich lebendig und im Einklang mit sich selbst fühlen. Spüren Sie die Klarheit und Leichtigkeit, die daraus entstehen. Im Grunde fließt unsere Energie bereits jetzt hier zwischen uns zusammen. Unsichtbar, aber vielleicht spürbar.Nun öffnen Sie langsam wieder die Augen und lassen Ihren Blick durch den Raum schweifen.
An den Wänden sehen Sie die Werke, die in diesem kreativen Prozess entstanden sind. Jedes Bild ist Ausdruck eines individuellen inneren Erlebens. Es erzählt vom Ringen um Balance, von der Spannung zwischen Struktur und Freiheit sowie zwischen Kontrolle und Hingabe. Schauen Sie sich die Formen und Farben an.Einige Bilder wirken strukturiert und geordnet. Sie tragen Klarheit und Zielstrebigkeit in sich. Andere sind wild und lebendig. Die Farben fließen ineinander und zeigen Offenheit und Intuition. Diese Werke spiegeln wider, was in uns allen lebt. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, der Wunsch nach Authentizität, das Streben nach Ordnung und das Verlangen nach Freiheit. Sie zeigen, wie wir uns selbst auf der Leinwand begegnen und wie jede Farbe und jede Form Ausdruck unserer inneren Welt werden kann. Die Bilder an den Wänden erzählen von dieser Reise. Von Momenten der Blockade und der Befreiung. Von der Balance, die entstehen kann, wenn unterschiedliche Kräfte harmonisch zusammenwirken. Sie zeigen, dass Kreativität nicht nur etwas Sichtbares hervorbringt, sondern auch die unsichtbaren Prozesse in uns bewegt.
Zum Abschluss möchte ich noch einige Worte zu den bevorstehenden Veränderungen dieser Galerie sagen.
Unsere Galerie wird künftig nicht mehr OutsiderKunst-Galerie heißen, sondern unter dem Namen Prisma Art Gallery neu starten.
Wir arbeiten bereits an einer eigenen Website mit integriertem Onlineshop. Möglich wird dies durch die großzügige Unterstützung der Werbeagentur Kaiserwetter, bei der ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte.
Mein besonderer Dank gilt außerdem der HL-Stiftung. Ohne ihre Unterstützung wäre dieses Projekt nicht möglich. Vor allem aber möchte ich den Männern danken, die an diesem Projekt mitgewirkt haben. Einige von ihnen sind heute hier, andere leider nicht. Ihre Bereitschaft, sich zu öffnen und an diesem Projekt mitzuwirken, ist das Herzstück dieser Arbeit. Sie zeigen, wie Kunst Brücken bauen und neue Wege eröffnen kann.
Ich freue mich außerdem, Ihnen meinen neuen Mitarbeiter Jan Frühsorge vorzustellen. Mit seiner Expertise in Kunstgeschichte, Kunsttheorie, Kunstmarkt und Kunstvermittlung wird er unsere Arbeit entscheidend bereichern. Gemeinsam starten wir ein Programm, das darauf abzielt, Menschen während und nach der Haft zu begleiten. Mithilfe von Kunst und Kreativität möchten wir neue Perspektiven eröffnen und den Weg zurück in die Gesellschaft erleichtern.
Die Prisma Art Gallery wird Anfang 2025 offiziell vorgestellt. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam einen bedeutenden Beitrag leisten können.
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.
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